· 

Üben und akzeptieren

Als ich vor vielen Jahren mit Yoga begann, galt die „kleine Kobra“ als einfache Asana, die vor allem für Anfänger gut geeignet und einfach einzunehmen sei: In der Bauchlage die Beine aneinander legen, Fussrücken und Schambein leicht auf die Matte drücken, Oberkörper anheben ohne mit den Händen abzustützen. Voilà.

 

Mit positiver Erwartung tat ich das – und wurde bitter enttäuscht. Trotz grosser Anstrengung hob sich mein Oberkörper kaum ein paar Zentimeter vom Boden ab, gleichzeitig schmerzte der untere Rücken. Sofort legte ich mich auf die Matte zurück. Dann blinzelte ich verstohlen um mich herum. Bestimmt war es den anderen in der Gruppe ähnlich ergangen? Wieder Ernüchterung. Meinen Mattennachbarn schien die kleine Kobra leicht zu fallen. Nach diesem Erlebnis wurde die kleine Kobra zu meiner unbeliebtesten Asana, die ich nie wieder machen wollte. Aber ob es mir gefiel oder nicht, die kleine Kobra wurde in den Stunden gelegentlich geübt und ich musste mich mit ihr irgendwie arrangieren.

 

Ich fragte die Yogalehrer um Rat und bat Freunde mit Yogaerfahrung um deren Erlebnisse mit der kleinen Kobra. Der wichtigste Tipp war, den Oberkörper nur so weit zu heben, wie es ohne Rückenschmerzen möglich ist. Für mich bedeutete das nur ein paar Millimeter. Wie peinlich. Aber immerhin schmerzfrei.

 

Zunächst widerwillig, aber dann immer gelassener, begann ich zu akzeptieren, dass sich mein Oberkörper kaum vom Boden anheben liess. Und ich schaute auch nicht mehr zu meinen Mattennachbarn hinüber. Was hätte es genützt? Stattdessen schloss ich die Augen und konzentrierte mich darauf, die Stellung so einzunehmen, dass ich sie schmerzfrei halten konnte. Mit der Zeit fühlte sich das gar nicht schlecht an. Gelegentlich brachen aber trotzdem Ärger und Ungeduld hervor. Entweder gelang es mir, diese Gefühle zu ignorieren, oder ich beendete die Übung und versuchte sie später wieder.

 

Langsam breitete sich in der Stellung ein Wohlgefühl aus, ein Gefühl der Leichtigkeit. Eigentlich konnte ich dankbar sein, den Oberkörper überhaupt anheben zu können, sagte ich mir. Mein Rücken war im Moment einfach so, wie er war. So übte ich die kleine Kobra allmählich gern und manchmal sogar zu Hause. Geduldig und vorsichtig.

 

Die Zeit verging. Und als wir in einer Stunde wieder die kleine Kobra übten, konnte ich meinen Oberkörper höher anheben, als ich es für möglich gehalten hätte. Bestimmt ein paar Zentimeter. Und ohne Schmerzen. Ich war verblüfft und überrascht, denn es kam völlig unerwartet. Ich habe mich kurz gefreut und war dankbar, aber nicht glücklicher, denn ich hatte mich an die Vorstufe gewöhnt, sie akzeptiert und in ihr Wohlgefühl und Zufriedenheit entdeckt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0